Die Micky-Maus-Ökonomie


Ralf Sotscheck - Die Micky-Maus-Ökonomie

Aus Bowness-on-Solway RALF SOTSCHECK

 

Links am Straßenrand liegt ein verwitterter Stein, auf dem das Wort „England“ eingemeißelt ist. Etwa 200 Meter rechts davon begrüßt ein modernes Blechschild die Reisenden: „Willkommen in Schottland.“ Zwischen beiden Grenzmarkierungen steht ein kleines, einstöckiges Haus. Liegt es in Schottland oder in England? „In Schottland“, sagt Colin Nicholson, dem das Haus gehört. „Die Grenze verläuft zwischen den beiden Markierungen schräg über die Straße.“ Die führt nach Berwick-upon-Tweed, der nördlichsten Stadt Englands.

 

Nicholson ist Rentner, nebenbei hilft er Freunden auf dem Bauernhof. Früher hat er jahrelang in Saudi-Arabien und in Rotterdam in der Ölindustrie gearbeitet, aber das ist lange her. Seit 19 Jahren wohnt er in dem Haus im vermeintlichen Niemandsland. Neben seine Eingangstür hat er ein Holzschild aufgehängt. Es weist darauf hin, dass sein Haus früher eine Zollstation war. „Am Ende des Weges gegenüber fließt der Tweed, und früher wurden Kohle und andere Waren durch die Furt gebracht“, sagt Nicholson.

 

Wird sein Haus wieder zur Zollstation, wenn die Schotten im Herbst nächsten Jahres über die Unabhängigkeit abstimmen? Schottland wäre dann, zumindestens anfangs, kein Mitglied der Europäischen Union. „So weit wird es nicht kommen“, glaubt er. „Ich hätte zwar nichts dagegen, es wäre eine gute Sache, aber wie soll das funktionieren? Die ganze Gegend lebt von Subventionen, und damit meine ich nicht nur Schottland, sondern auch den Norden Englands.“ Wenn man hüben wie drüben keinen staatlichen Job ergattere, sei man schlecht dran. „In Berwick gab es früher ein Kino und ein Schwimmbad“, sagt er. „Alles weg.“

 

Berwick-upon-Tweed stand bis zum 15. Jahrhundert immer wieder im Mittelpunkt der schottisch-englischen Grenzkriege. Davon zeugen noch die Stadtmauer und die Wehranlagen am Tweed, der hier in die Nordsee fließt. „Wir haben eine Micky-Maus-Ökonomie“, sagt Nicholson. „Ich habe mit einem Freund um 100 Pfund gewettet, dass die Schotten im Volksentscheid Nein sagen werden.“

 

Um die Frage, die den Schotten dann gestellt wird, hat es viel Gerangel zwischen dem britischen Premierminister David Cameron und dem schottischen Ersten Minister Alex Salmond von der Scottish National Party (SNP) gegeben. Salmond hatte sich eine Zusatzfrage zur Übertragung weiterer Rechte an das Regionalparlament gewünscht - als Hintertür, falls die Schotten die vollständige Unabhängigkeit ablehnen. Darauf ließ sich Cameron nicht ein. Die Frage lautet nun: „Soll Schottland ein unabhängiges Land werden?“

 

Durchgesetzt hat sich Salmond bei der Wahlberechtigung für 16- und 17-jährige sowie beim Termin. Während Cameron bereits in diesem Jahr abstimmen lassen wollte, favorisierte Salmond einen späteren Termin. Sein Kalkül: Es ist dann nicht mehr lange hin bis zu den britischen Parlamentswahlen, und Salmond rechnet damit, dass die Popularität der Londoner Koalitionsregierung aufgrund ihres Sparkurses einen Tiefpunkt erreicht haben wird.

 

Die „Union Bridge“ ein Stück flussabwärts von der Furt bei Nicholsons Haus zeugt von den raren Zeiten, als relative Zufriedenheit mit der Union beider Länder herrschte. Diese Kettenbrücke ist nicht besonders vertrauenserweckend. Es passen nur schmale und nicht zu schwere Autos hinauf, aber für Autos ist sie ja auch nicht gebaut worden. Jahrhunderte lang mussten die Menschen die Furt nehmen, wenn sie von England nach Schottland - oder umgekehrt - wollten. Das war vor allem bei Flut nicht ungefährlich.

 

Schließlich baute Samuel Brown, ein pensionierter Schiffskapitän, die Kettenbrücke, um zu beweisen, dass die von ihm patentierten Eisenketten etwas taugten. Zur Eröffnung der Brücke am 26. Juli 1820 fuhr er in einem offenen Zweispänner über den Tweed, gefolgt von 600 neugierigen Zuschauern. Der Unterhalt der Brücke wurde durch eine Mautgebühr finanziert. Heutzutage kümmert sich der Rat der englischen Grafschaft Northumberland um den Erhalt der Union Bridge.

 

„Wenn man immer noch Maut zahlen müsste, könnte ich meinen Job an den Nagel hängen“, sagt Flora, eine Blondine von Anfang 40. Sie arbeitet im Büro der Chain Bridge Honey Farm, einem kleinen Gebäudekomplex gleich neben der Brücke, wo seit 1948 Honig produziert wird. „Ich wohne in Schottland und arbeite in England“, sagt Flora. „Ich muss die Brücke jeden Tag zwei Mal überqueren.“ Flora ist Schottin, aber auch sie glaubt nicht an die Unabhängigkeit. „Die Sache ist nicht zu Ende gedacht“, findet sie, „eine Trennung von England wirft so viele organisatorische Fragen auf. Salmond hat behauptet, Schottland würde automatisch EU-Mitglied, aber nun hat sich herausgestellt, dass wir erst einen neuen Antrag stellen müssen.“

 

Die EU ist allerdings zur Achillesferse der Unabhängigkeitsgegner geworden, seit Cameron den Wählern für 2017 ein Referendum über die britische EU-Mitgliedschaft versprochen hat. Die SNP wies auf den Widerspruch hin: In Schottland argumentiere Cameron, dass man gemeinsam stärker sei, in Sachen EU wolle er davon nichts wissen. Aber auch die SNP erhielt vor zwei Wochen einen Dämpfer. Jemand im Finanzministerium hat den Unabhängigkeitsgegnern ein Geheimpapier des SNP-Finanzministers John Swinney zugespielt, in dem er ein recht düsteres Bild malt: Die Ölquellen sprudeln bei weitem nicht so ergiebig wie erhofft, heißt es darin, nach der Unabhängigkeit drohe ein Defizit von 28 Milliarden Pfund, man müsse kürzen und die Beamtenschar reduzieren. Und wenn man das Pfund beibehält, hätte die Bank von England ein Vetorecht beim schottischen Budget.

 

Bis Coldstream teilen sich England und Schottland den Tweed. Kurz danach biegt die Grenze nach Süden ab, während der Tweed südwestlich nach Kelso fließt. Es ist Donnerstag: Flohmarkttag auf dem Marktplatz vor dem alten Rathaus von Kelso. Carl, ein gut gelaunter 38-jähriger, der sich über die ersten Sonnentage des Jahres freut, verkauft alte Ansichtskarten und eine riesige Horrorpuppe. „Man stöpselt sie in die Steckdose, dann macht sie gruselige Geräusche und fuchtelt mit den Armen“, sagt er. 70 Pfund will er dafür haben, aber es gibt keine Interessenten. „Man glaubt es kaum“, sagt er, „aber ich habe die Puppe einem Altenheim abgekauft.“

 

Die Unabhängigkeit wäre gut für schottlische Unternehmen, glaubt er: „Die US-Amerikaner mögen Schottland.“ Und für die Exporte wäre es von Vorteil, wenn auf den Waren „Made in Scotland“ stehe, und nicht „Made in the United Kingdom“. Aber dazu sei es notwendig, kleine schottische Unternehmen zu fördern, damit sie diesen Standortvorteil auch nutzen können, meint er. „Doch ob dazu das Geld da sein wird?“ Er werde jedenfalls mit Ja stimmen, doch bei Umfragen sagt bisher lediglich ein Drittel der Befragten, dass sie das auch tun werden. „Man darf Salmond nicht unterschätzen“, sagt Carl. „Er ist der einzige Politiker mit Charisma. Niemand, nicht mal die SNP selbst, hätte gedacht, dass die Partei bei den Wahlen 2010 die absolute Mehrheit gewinnen würde.“ Es ist Salmond gelungen, nicht nur Linke und Nationalisten hinter sich zu bringen, sondern auch weite Teile der Mittelschicht sowie einige Großunternehmer, die wie Salmond davon überzeugt sind, dass die politische Abhängigkeit von London die wirtschaftliche Entwicklung Schottlands behindere.

 

Von Kelso verläuft die Landgrenze nach Südwesten und stößt bei Gretna Green, dem legendären Heiratsparadies, wo früher Mädchen mit 12 und Jungen mit 14 ohne Einwilligung der Eltern heiraten durften, auf den Solway Firth, einen Meeresarm der Irischen See. Auf der anderen Seite der Förde, in England, liegt Bowness-on-Solway. Hier endete der Hadrianswall, eine Verteidigungsanlage des römischen Reiches gegen die Schotten, die Kaiser Hadrian im Jahr 122 bauen ließ. Der 120 Kilometer lange Wall markiert jedoch nicht die Grenze, sondern verläuft ein Stück weiter südlich in England. In Bowness-on-Solway ist von dem Wall nichts mehr zu sehen, denn der westliche Teil wurde nicht mit Steinen, sondern mit Torf gebaut.

 

„Sie hätten den Wall aus Beton bauen sollen, und zwar zehn Meter hoch“, meint Paul. Er mag die Schotten nicht. „Einzeln sind sie okay, aber nicht im Rudel.“ Paul betreibt mit seiner Partnerin Gill eine kleine Firma für die Instandhaltung von Häusern und Gärten. Die beiden tragen blaue Pullover mit der Aufschrift ihrer Firma. Von der schmalen Hauptstraße in Bowness zweigen noch schmalere Gassen ab, die hinunter ans Wasser führen. Paul und Gill kümmern sich um die exklusiven Häuser, deren Eigentümer meist nur im Sommer kommen. Schottland könne ihm gestohlen bleiben, sagt Paul. „Sollen sie doch unabhängig werden, sie werden schon sehen, was sie davon haben. Seit 1999 haben sie ihr eigenes Regionalparlament, und was hat es ihnen gebracht? Sie betteln in London um Geld, weil sie nicht haushalten können.“

 

Paul war noch nie in Schottland. „Wir bekommen oft Aufträge aus Schottland“, sagt er und zeigt hinüber auf die andere Seite der Förde. „Das liegt ja nur ein paar hundert Meter entfernt, aber wir müssten um die ganze Bucht fahren. Das bezahlt uns keiner.“ Bis 1935 habe es eine Brücke von Bowness über den Solway Firth nach Annan gegeben, sagt Gill. Vielleicht werde sie ja wieder aufgebaut, dann könne man auch Aufträge aus Schottland annehmen. „Um Gottes Willen“, stöhnt Paul, „dann kämen die Schotten ja alle rüber, weil es hier besseres Bier gibt.“

 

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