Das neue Dublin ist bunt


Auf dem modernen Flachbildschirm hoch oben an der Wand laufen russische Videos mit basslastiger Musik. An den fünf kleinen runden Tischen sitzen ein Dutzend Männer und zwei Frauen, Immigranten aus den baltischen Ländern, und trinken litauisches Bier. Die Bar Baltica in Dublins Cahal Brugha Street ist ihr Treffpunkt, ein Litauer hat den Laden vor ein paar Monaten übernommen. Die meisten Gäste bleiben an diesem Samstag Nachmittag ein Stündchen, dann stürzen sie sich wieder in das Gewimmel der nahegelegenen Einkaufsmeile.


Früher war die Bar, die von einem Parkhaus umrahmt ist, ein großer irischer Pub. Der neue litauische Besitzer hat die Kneipe geteilt und die Hälfte in einen Supermarkt umgewandelt, so dass die Kneipe mit den unverputzten Wänden und dem alten Kronleuchter, in den ein Stromkabel eingezogen ist, recht klein geworden ist. Eine Angestellte schenkt am Tresen das Bier aus, und an der Rückseite der Bar kassiert sie für die Lebensmittel und die baltischen Zeitungen. Selbst die russische Ausgabe des „Playboy“ ist hier erhältlich.


Wladimir aus Vilnius kommt jeden Samstag her, trinkt ein, zwei Bier und erledigt dann seine Einkäufe im „Slavyanskiy Bazar“, wie der Supermarkt heißt. „Ich kann mir russische Videos ausleihen“, sagt er. „Es gibt litauisches, polnisches und tschechisches Bier, aber auch Krimsekt, sibirische Klöße, Pirogen und baltische Wurst – alles, was ich von zu Hause vermisse.“ Ansonsten vermisst er nicht viel. Wladimir ist seit zwei Jahren in der irischen Hauptstadt, sein Englisch ist noch etwas holprig, aber für seinen Job als Stuckateur auf dem Bau reicht es. Ein, zwei Jahre will er noch bleiben, vielleicht auch länger, er ist ja nicht verheiratet und hat keine Verpflichtungen. „Die Dubliner“, sagt er, „haben uns Immigranten freundlich aufgenommen.“


Das war nicht immer so. Die Iren waren anfangs den Einwanderern gegenüber misstrauisch und mitunter auch feindselig, und manche sind es immer noch, obwohl Generationen ihrer Vorfahren selbst ausgewandert sind. 70 Millionen Menschen auf der Welt berufen sich auf irische Wurzeln. In den achtziger Jahren verließen ein Sechstel der Bevölkerung die Insel, bis der Tiefpunkt von 3,5 Millionen erreicht war. Als Irland während des Jugoslawienkrieges sich bereiterklärte, 200 Flüchtlinge aufzunehmen, wollten nur 160 kommen.


Dublin war heruntergekommen, in der Innenstadt gab es viele Brachflächen, auf denen Ziegen grasten, Grundstücksspekulanten ließen die Häuser am Ufer der Liffey verfallen. Dann lockte die Regierung ausländische Unternehmen, vor allem aus den USA, mit niedriger Körperschaftssteuer und einer gut ausgebildeten, englisch sprechenden Arbeiterschaft an. Der Wirtschaftsboom und die damit verbundenen Veränderungen sind über Irland, und vor allem über Dublin rasant hereingebrochen.


1996 überstieg die Zahl der Einwanderer zum ersten Mal die der Auswanderer, seit der Jahrtausendwende kommen mehr als 50.000 Immigranten jedes Jahr – das sind vier Mal so viele, als in die USA einwandern, wenn man es auf die Bevölkerungszahl umrechnet. Seit der Osterweiterung der EU sind es noch mehr. Neben Großbritannien und Schweden ist Irland das einzige EU-Land, dass keine Sperrfrist für die Menschen aus den neuen EU-Ländern verhängt hat. Die Bevölkerungszahl ist auf über vier Millionen angestiegen, fast zehn Prozent sind Immigranten, die größte Gruppe stellen die Polen. 300.000 leben in Irland, zwei Drittel davon in Dublin. In den Supermärkten gibt es Sondertische mit polnischer Ware, und Dublins Abendzeitung, der „Evening Herald“, legt dem Blatt jeden Freitag eine achtseitige Beilage in polnisch mit Tipps für die Einwanderer bei. So verriet die Zeitung den Einwanderern, dass ihnen 150 Euro Kindergeld im Monat zustehen, selbst wenn die Kinder in Polen leben. Nach Veröffentlichung des Artikels stieg die Zahl der Kindergeldanträge von Polen um 400 Prozent.


Dass die Immigranten mit mehr oder weniger offenen Armen empfangen werden, hat wirtschaftliche Gründe. Zwischen 1988 und 2000 ist die Zahl der Arbeitsplätze um 50 Prozent gestiegen, es herrscht nahezu Vollbeschäftigung, und wenn die Wirtschaft weiter wachsen soll, ist man auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Dublin ist bunt geworden. Es sind nicht mehr die einheitlichen grauen Ladenzeilen und die blassen Iren, die das Stadtbild prägen, sondern – vor allem im nördlichen Zentrum – die Einwanderer und ihre exotischen Läden, Wirtshäuser und Restaurants. Neben den Polen leben 20.000 Nigerianer, 50.000 Balten und 100.000 Chinesen in Dublin.


Von der Bar Baltica sind es nur wenige Schritte zur Parnell Street. Auf hundert Metern liegen hier ein halbes Dutzend chinesische Restaurants, die in Anbetracht der exorbitanten Dubliner Preise recht billig sind. Sie servieren nicht nur die üblichen Speisen für europäische Gaumen, sondern auch Spezialitäten für die chinesische Gemeinde – zum Beispiel gekochte Hühnerfüße und gewürzten Hackbraten aus Schweinsinnereien. Neben den Restaurants gibt es mehrere chinesische und afro-karibische Supermärkte, in denen auch die Einheimischen gerne einkaufen. Dazwischen ist, recht verloren, ein alteingesessener Laden übriggeblieben. Er verkauft Papageien.


Wenige hundert Meter in südlicher Richtung zweigt die Moore Street von der Parnell Street ab. Es gibt keine andere Straße, in der das alte und das neue Dublin so dicht beeinander liegen. Auf der Straße, die für Autos gesperrt ist, verkaufen die Gemüsehändlerinnen mit dem schärfsten Mundwerk Irlands an hölzernen Ständen ihre Ware, wie sie es seit Jahrzehnten tun. Doch die Ladenzeilen sind fest in ausländischer Hand: nigerianische und chinesische Cafés, ein Friseurgeschäft mit Haarteilen für afrikanische Frauen, ein karibischer Supermarkt sowie eine Reihe von Telefonläden. Viele Chinesen haben sich auf die Reparatur von Handys spezialisiert, die von den Telefongesellschaften als Totalschäden abgeschrieben worden sind. Selbst der Fleischer FX Buckley´s, der hier sein Geschäft seit hundert Jahren betreibt, bietet Schweinsköpfe, Schweineohren und Zungen an, die von den Iren verschmäht werden, aber bei den Chinesen sehr beliebt sind.


„Selbst in der kurzen Zeit, in der ich hier bin, ist Dublin kosmopolitischer geworden“, sagt Ovidiu Matiut. Der 42-jährige stammt aus Rumänien, oder genauer: aus Transsilvanien. Er kam vor sechseinhalb Jahren als Asylbewerber nach Dublin, denn in Rumänien wurde er verfolgt, weil er sich für die transsilvanische Autonomie eingesetzt hatte. Inzwischen hat er die irische Staatsbürgerschaft angenommen.


Er ist nicht sehr groß, aber kräftig. Man sieht ihm an, dass er Sport treibt. Es gibt drei rumänische Fußballmannschaften, die in den unteren irischen Ligen mitmischen. Er spielt für das „Team Dracula“, das sich natürlich aus Transsilvanern zusammensetzt. „Die Verbindung liegt auf der Hand“, sagt Matiut. „Bram Stoker, der den transsilvanischen Grafen Dracula erfunden hat, war Dubliner.“


Eigentlich ist Matiut Bergbauingenieur, aber für diese Arbeit gibt es in Irland keinen Bedarf. So arbeitet er als Integrationsbeauftragter für eine NGO, die vom irischen Justizministerium und der Europäischen Union finanziert wird. Obwohl 20.000 Rumänen in der Stadt leben, gibt es kaum rumänische Läden. „Wir Rumänen sind unternehmerisch nicht sehr begabt“, sagt Matiut, „und das Gemeinschaftsgefühl ist eher unterentwickelt. Vielleicht sind es die Nachwirkungen des Kommunismus, dass wir untereinander misstrauisch sind.“


Kaum einer von ihnen will zurück nach Rumänien. „Anfangs wollen alle nur eine Weile bleiben, Geld verdienen und dann wieder nach Hause“, sagt Matiut. „Aber du veränderst dich. Als ich vor kurzem zu Besuch in Rumänien war, fühlte ich mich dort nicht mehr zu Hause. So wird es auch den Polen gehen, selbst wenn die meisten jetzt sagen, dass sie in zwei, drei Jahren wieder zurück wollen. Sie werden bleiben. Alle werden sie bleiben. Und das ist gut für Dublin und die neue Atmosphäre der Stadt.“


 

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