George Best: Alkohol, Weiber und schnelle Autos


Linksaußen waren schon immer etwas anders. Ente Lippens zum Beispiel. Der Schiedsrichter ermahnte ihn einmal mit den Worten: „Ich verwarne Ihnen.“ Die Ente antwortete: „Ich danke Sie.“ Dafür bekam er als einziger Fußballer wegen eines Grammatikfehlers die rote Karte. Oder Lothar Emmerich, der nach seinem Jahrhunderttor aus unmöglichem Winkel gegen Spanien 1966 sagte: „Der Ball tickte so schön, da dachte ich: jetzt druff.“ Der Linksaußenste von allen aber war George Best.


Er war genial. In den sechziger bis Anfang der siebziger Jahre konnte keiner dribbeln wie er. Wegen seiner Frisur nannten sie ihn den „fünften Beatle“, und die Mädels waren verrückt nach ihm. Er lernte Eric Clapton kennen, Ringo Starr frequentierte die gleiche Kneipe wie er, und einmal traf er Paul McCartney. „Er winkte, und ich winkte zurück“, erzählte Best. „Als sie gingen, trat Linda McCartney an meinen Tisch und flüsterte mir ins Ohr: Wir lieben dich. Das hat mich wirklich umgehauen.“


Best ist 15, als er aus seiner Geburtsstadt Belfast zu Manchester United kommt. Er heult jeden Abend vor Heimweh. Mit 17 spielt er in der ersten Mannschaft, mit 18 gibt er sein Debut in der nordirischen Nationalelf. Es ist das Pech des falschen Geburtsortes, dass er für Nordirland mit lauter Nieten spielen muss. Man stelle sich vor, Pele wäre in Liechtenstein geboren worden.


Mit 22 wählen sie Best zum britischen Fußballer des Jahres. Im selben Jahr gewinnt er mit Manchester United den Europapokal und wird danach europäischer Fußballer des Jahres. 1969 haut er dem Schiedsrichter beim Pokalspiel gegen den Lokalrivalen Manchester City den Ball aus der Hand. Dafür wird er vier Wochen gesperrt. Im ersten Spiel nach Ablauf der Sperre schießt er im Auswärtsspiel in Northampton sechs der acht Tore beim 8;2-Sieg. Einen Monat später bespuckt er im Länderspiel gegen Schottland den Schiedsrichter und bewirft ihn mit Schlamm. Wieder wird er gesperrt.


1972 beginnt sein langer Abschied vom Spitzenfussball. Im Mai erklärt er, dass er täglich eine Flasche Schnaps trinkt und seine Karriere beendet sei. Er spielt zwar noch eine Weile, trainiert aber kaum. Im Dezember beendet er seine Karriere erneut, nimmt neun Monate später das Training wieder auf und tritt bei den Abschiedsspielen für Eusebio und Denis Law an. Am 1. Januar 1974 aber ist Schluss. Nach dem Spiel gegen Queen´s Park Rangers stellt Best das Training endgültig ein.


Danach widmet er sich dem Operettenfußball – in Südafrika für die Jewish Guild, in England für Dunstable, Stockport und Fulham, in Irland für Cork Celtic, in den USA für die Los Angeles Aztecs und Fort Lauderdale, in Australien für die Brisbane Lions und Osbome Park Galeb. Die meisten Vereine werfen ihn nach kurzer Zeit wieder hinaus, weil er sich nie beim Training blicken lässt. Offenbar unterscheiden sich Fußballklubs in diesem Punkt nicht von den Ehefrauen von Alkoholikern: Sie glauben, den Trinker heilen zu können. Warum haben sie ihn nicht einfach spielen lasen? Schließlich füllt er allein ihre kläglichen Stadien und ist auch untrainiert und betrunken um Klassen besser als alle anderen auf dem Platz.


Allerdings muss er sehr betrunken gewesen sein, als er zustimmt, für den nordirischen Meister FC Linfield zu spielen. Es ist der grauenhafteste Verein Europas, Katholiken durften bei dem Rassistenclub nicht spielen. In seinem Stadion, dem Windsor Park in Belfast, trägt auch die nordirische Nationalmannschaft ihre Heimspiele aus. Es ist das einzige Stadion der Welt, wo die eigenen Fans segregiert werden müssen, weil Katholiken ihres Lebens nicht sicher sind.


1982 wird Best für bankrott erklärt. „Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben“, sagt er. „Den Rest habe ich einfach verprasst.“ Unter den Weibern waren einige Miss Worlds. „Alle sagen, ich hätte mit sieben Miss Worlds geschlafen“, stellt Best richtig. „Dabei waren es nur drei.“ 1984 wird er wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen. Weil er den Polizisten verhaut, muss er für acht Wochen ins Gefängnis.


Er lässt sich Implantate in den Magen einpflanzen, die ihn vom Suff abbringen sollen. „Das war eine Katastrophe“, sagte er damals und trank weiter. 1990 wird er von Terry Wogan im BBC-Fernsehen interviewt. Es ist diese Sorte von Interviews, die man nie vergisst. Best ist so besoffen, dass er randaliert, wie ein Bierkutscher flucht und keine einzige Frage beantwortet. Manchmal bricht er in jener Zeit Interviews einfach ab oder taucht erst gar nicht auf.


Er hat viel verpasst in seinem Leben: oft das Training, manchmal sogar Spiele, ein paar mal seine Geburtstagsparty, regelmäßig Signierstunden in Buchläden, und einmal, 1995, sogar seine eigene Hochzeit. „Er war auf einer zweiwöchigen Sauftour und hat sich in ein Monster verwandelt“, erzählte Alex, die Braut, damals dem Boulevardblatt „Sun“. Aber sie vergab ihm, und zwei Wochen später ging die Hochzeit planmäßig über die Bühne. Es ist Bests zweite Ehe. Seine Frau hat ihn nie spielen sehen, sie ist 26 Jahre jünger als er und war gerade erst geboren, als seine Karriere endete. Die beiden nennen sich gegenseitig „Bestie“ – damit ist nicht das deutsche Wort gemeint, sondern die Koseform des gemeinsamen Nachnamens. Er hat ihr einen schwarzen BMW geschenkt mit der Nummer E8 ALEX. „Eigentlich wollten wir E11 haben wegen seiner Rückennummer“, sagt Alex, „aber das hätte 20.000 Pfund extra gekostet.“


Ein Freund von Best glaubt, es sei die Langeweile gewesen, die den Fußballer in den Alkohol getrieben habe. „Ich könnte den anonymen Alkoholikern beitreten”, meint Best, dessen Mutter am Alkohol gestorben ist. „Das Problem dabei ist nur, ich kann nicht anonym bleiben.“ Seine Lebertransplantation machte 2003 natürlich Schlagzeilen. Sie verlief erfolgreich, und Best feierte das neue Organ mit einem ausgedehnten Umtrunk. Die Transplantationsindustrie hasst ihn dafür. Aus dem ganzen Land kamen Berichte, dass Menschen ihre Organspenderausweise zerrissen, nachdem sie von der feuchtfröhlichen Lebereinweihung des Ex-Fußballers gehört hatten. Sie meinen offenbar, dass der Spendenempfänger gefälligst pfleglich mit dem Ersatzteil umzugehen habe.


Was hätte Best aber mit seinem Organ anfangen sollen, hätte er ihm lediglich Fruchtsaftgetränke zur Verarbeitung anbieten dürfen? 49 Prozent der Familien von tödlich Verunglückten weigern sich seitdem jedenfalls, die Organe ihrer verstorbenen Verwandtschaft herauszurücken. Vor Bests Transplantation waren es nur 30 Prozent.


Den Ex-Fußballer ficht das nicht an. „Ich muss lachen, wenn ich in den Zeitungen als abgehalftertes Idol bezeichnet werde“, sagt er. „Die Leute, die das schreiben, sitzen von neun bis fünf in ihren Büros. Ich weiß nicht, was sie verdienen, aber ich werde nach Neuseeland, Malaysia, Hongkong eingeladen und bekomme 5.000 Pfund für einen kurzen Auftritt oder ein Interview.“ Ihn wurmt lediglich die Tatsache, dass Manchester United ihm ein Abschiedsspiel verweigert hat. „Darüber bin ich immer noch schwer enttäuscht“, sagt er. Sie hätten ja wenigstens ein öffentliches Trinkgelage veranstalten können.


 

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