Titanic


Ralf Sotscheck - Titanic

Aus Belfast RALF SOTSCHECK

 

Überall Glasfassaden. Das hätte man sich früher nicht getraut. Noch vor 15 Jahren erschütterten Bombenanschläge regelmäßig die nordirische Hauptstadt Belfast, und die Fensterscheiben in der Umgebung gingen zu Bruch. Die Besitzer des Europa-Hotels in der Great Victoria Street können ein Lied davon singen. Das Gebäude musste mehr als 30 Anschläge über sich ergehen lassen, bis man endlich bruchsicheres Glas einbauen ließ. Dann kam das anglo-irische Abkommen vom Karfreitag 1998, und seitdem herrscht einigermaßen Frieden in der Krisenprovinz. Seitdem ist Belfast aufgeblüht. Einkaufszentren, Häuser teurer. Tourismus. Titanic Quarter.

 

Die Glencairn-Siedlung zieht sich an einem Hügel hoch, vom Wendekreis am Ende der Straße hat man einen guten Blick auf Belfast. Die nordirische Hauptstadt liegt zwischen der Belfaster Bucht und den Bergen im Hinterland. Vom oberen Teil Glencairns sieht man den Hafen mit den beiden Kränen "Samson" und "Goliath", die zur Großwerft "Harland and Wolff" gehören. Dort lief 1910 die Titanic vom Stapel. Heute ist die Werft ein Symbol für den Niedergang der nordirischen Wirtschaft, die seit der Teilung der Insel von Protestanten beherrscht war. "Harland and Wolff" entließ seit dem Krieg mehr als 20.000 Arbeitskräfte und wird durch massive Subventionen am Leben erhalten. Grundig, Olympia, Demag und British Enkalon haben sich aus Nordirland zurückgezogen, und in der einst florierenden Textilindustrie arbeiten inzwischen nur noch eine Handvoll Menschen.

 

"Samson" ist mit 105 Metern Höhe etwas mächtiger als "Goliath". Die gelben Kruppkräne im Belfaster Hafen sind die Wahrzeichen der nordirischen Hauptstadt, seit sie Anfang der Siebzigerjahre aufgestellt worden sind. Die Kräne gehören Harland & Wolff, der Werft am östlichen Rand des Hafens auf Queen's Island, einer künstlichen Landzunge, wo die "Titanic" 1911 gebaut wurde.

 

Wer von der Innenstadt zur Werft will, muss über die Queen's Bridge, die unsichtbare Grenze Belfasts. Der Ostteil der Stadt auf der anderen Seite der Brücke ist, bis auf die kleine katholische Enklave Short Strand, protestantisch, und seit Gründung der Werft Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dort vor allem Protestanten beschäftigt. Harland & Wolff war von Anfang an weit mehr als nur ein Arbeitgeber: Für die einen war die Werft das Symbol ihrer Vormachtstellung, für die anderen das beste Beispiel für ein Staatengebilde, in dem Katholiken zu Bürgern zweiter Klasse degradiert waren.

 

Harland & Wolff sowie die Rüstungsfabrik Shorts waren immer ein "Barometer für den Zustand der nordirischen Wirtschaft", sagt Peter Harbinson, der Pressesprecher der Werft. "Dass die Religion bei den beiden Firmen eine so große Rolle spielt, liegt am Standort und an der Geschichte." Harbinson, ein junger Mann mit kurzem, schwarzem Haar, sagt, man sei inzwischen zwar an die Vorschriften für eine faire Beschäftigungspolitik gebunden, aber sie seien kaum durchzusetzen: "Wenn man ständig Leute entlassen muss, ist es schwierig, eine Balance zwischen beiden Gruppen herzustellen."

 

In den Fünfzigerjahren arbeiteten vierzigtausend Menschen bei Harland & Wolff, heute sind es noch 1500 - und die werden nun zum Großteil entlassen. Fast hätte Harland & Wolff ganz dichtmachen müssen. Das norwegische Unternehmen Fred Olsen, Eigentümer der Werft seit der Privatisierung 1989, hatte seine Hoffnungen auf den Auftrag für den Bau des größten Ozeankreuzers der Welt, der "Queen Mary II.", im Wert von umgerechnet einer Milliarde Mark gesetzt. Doch im März vergab die US-Linie Cunard den Auftrag an die französische Konkurrenz Chantiers de l'Atlantique. Harland & Wolff war aufgrund des starken Pfunds zu teuer.

 

Die Entscheidung löste in Belfast gemischte Reaktionen aus. Die Protestanten beschuldigten die britische Regierung, sich bei Cunard nicht genug für Harland & Wolff eingesetzt zu haben, während im katholischen Westbelfast Schadenfreude überwog. Die Leiterin einer lokalen Jobinitiative sagte: "Wir hoffen, dass die Werft schließen muss, damit die dort drüben auch mal die Erfahrung machen, die wir seit Jahren gemacht haben. Aus unserer Gegend arbeitet niemand auf der Werft."

 

Die Letzten seien 1974 vertrieben worden, als die Werftarbeiter eine führende Rolle beim protestantischen Generalstreik spielten, durch den die Regionalregierung gestürzt wurde, weil ihr auch Katholiken angehörten. Kein Katholik, dem sein Leben lieb war, traute sich damals mehr über die Queen's Bridge. Antikatholische Pogrome hatte es aber schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf der Werft gegeben. Und am 21. Juli 1920, während des Unabhängigkeitskriegs, kam es in Belfast zu einer Massenversammlung protestantischer Arbeiter. Die Leute beschlossen, dass Katholiken nicht länger bei Harland & Wolff arbeiten sollten. Bewaffnet mit Knüppeln, prügelte man die katholischen Arbeiter hinaus, viele wurden einfach ins Wasser geworfen.

 

Edward Harland und Gustav Wolff waren protestantisch-unionistische Abgeordnete. Der Aufschwung der Schiffbauindustrie und die Expansion der Werft zog protestantische Arbeiter aus der ländlichen Umgebung Belfasts an, so dass die Stadt Anfang des vorigen Jahrhunderts zu drei Vierteln protestantisch war. Harland & Wolff war damals die größte Werft der Welt und stellte immer wieder neue Rekorde bei der Tonnage der Schiffe auf, die in Belfast vom Stapel liefen.

 

Nach dem Krieg sanken die Aufträge. William James Pirrie, der Präsident von Harland & Wolff, dessen von Grünspan überzogene Statue vor dem Hintereingang des Verwaltungsgebäudes steht, weitete die Kapazität der Werft in grenzenlosem Vertrauen auf die Zukunft dennoch aus. Als er 1924 starb, stellte sein Nachfolger Baron Kylsant of Carmarthen entsetzt fest, dass die Werft am Rande des Ruins stand. Der Zweite Weltkrieg rettete Harland & Wolff: In den Kriegsjahren liefen 140 Marine- und genauso viele Handelsschiffe vom Stapel - fast jede Woche ein Schiff.

 

In den Fünfzigerjahren verlor Großbritannien seine Vormachtstellung auf den Weltmeeren. Vor dem Ersten Weltkrieg war die britische Handelsflotte größer als alle anderen Flotten zusammen, heute macht ihr Anteil gerade noch drei Prozent aus. Harland & Wolff ist schon lange von Subventionen abhängig. Am 16. März 1960 warf Pattie Menzies, die Frau des australischen Premierministers, begleitet von einer Polizeikapelle, eine Flasche Champagner gegen den Rumpf der "Canberra". Der 45-Tonner war das bisher letzte Kreuzfahrtschiff, das in Belfast gebaut wurde.

 

Für die Werftarbeiter klang es deshalb wie Hohn, als der Cunard-Chef Larry Pimental sagte, Belfast habe allen Grund, zu feiern, nachdem er den Auftrag für die "Queen Mary II." an die Franzosen vergeben hatte. Pimental: "Harland & Wolff lag bei unserer Ausschreibung auf Platz zwei. Großbritannien hat das Zeug dazu, wieder eine Schiffbaunation zu werden."

 

Stimmt, sagt Peter Harbinson. Den Medienrummel um den entgangenen Auftrag für die "Queen Mary II." hält er für übertrieben: "Man bewirbt sich für zehn oder zwölf Aufträge, und am Ende bekommt man vielleicht einen. Der Markt für Kreuzfahrtschiffe wächst stetig. Nur drei bis vier Prozent der Bevölkerung waren jemals auf Kreuzfahrt, aber bei Umfragen haben sechzig Prozent erklärt, dass sie das gerne einmal tun würden. Wir haben den Vorteil, dass unsere Auftragsbücher leer sind. Reedereien wollen die Schiffe so schnell wie möglich geliefert bekommen, und wir können das leisten."

 

In den nächsten zehn Jahren, so erwartet man in der Schiffbauindustrie, werden bis zu dreißig Kreuzfahrtschiffe in Auftrag gegeben, und es gibt weltweit nur zehn Werften, die dafür in Frage kommen. Im Juni erhielt Harland & Wolff den Zuschlag für zwei kleinere Luxusdampfer. Das verdanke man Cunard, glaubt Harbinson. Hinzu kommen Aufträge für vier Passagierfähren, so dass die Zukunft mittelfristig gesichert ist. "Wir mussten dennoch Leute entlassen", sagt Harbinson, "weil jetzt erst mal die Konstrukteure gefragt sind. Der Bau beginnt erst im nächsten Jahr."

 

Das 45 Hektar große Werftgelände macht einen verlassenen Eindruck. Links liegt ein einsames Tiefseebohrschiff. Für den Bau musste man einen Kran mieten, weil die Kräne "Samson" und "Goliath" zu klein waren. Man hatte Anfang der siebziger Jahre nicht damit gerechnet, dass es einmal Schiffe geben würde, die höher als 105 Meter sind. Das Bohrschiff ist fast fertig und wird in den nächsten Tagen auf hoher See getestet. Dann ist die Werft leer. "Natürlich wäre es schöner, wenn wir überall Schiffe in den verschiedenen Produktionsstufen hätten", sagt Harbinson. "Kommendes Jahr ist es hoffentlich wieder so weit, dann wird es hier von Arbeitern nur so wimmeln."

 

Geschäftigkeit herrscht derzeit nur im Verwaltungstrakt, einem flachen, roten Backsteinbau, in dem hundert Menschen in einem Großraumbüro arbeiten. Im Eingang mahnt ein Plakat: "Unsere heutige Qualität sichert die morgigen Aufträge." Daneben ein "Titanic"-Poster und Reklame für "Titanic"-Memorabilien: Man kann ein Plastikmodell des berühmten Schiffs erwerben, ein Foto, ein Messingschild oder den Nachdruck des Konstruktionsplans.

 

Gebaut wurde der Luxuskreuzer in der alten Werft gegenüber dem mit Überwachungskameras gesicherten Haupteingang. Harland & Wolff hat das Gelände noch immer von der Hafenbehörde gepachtet. Die Gebäude sind verfallen, die Fensterscheiben kaputt, ein Haus dient der Werft als Lohnbüro. Die Brachflächen werden teilweise von Speditionen genutzt.

 

Harland & Wolff hat große Pläne mit der alten Werft. Hier soll das "Titanic Quarter" entstehen, ein High-Tech-Park, in dem einmal zehntausend Menschen arbeiten werden. Forschung und Entwicklung, akademische Ausbildung und lebenslanges Lernen, kombiniert mit Freizeitangeboten und Wohnraum - das sind die Schlagworte, mit denen man Investoren anlocken möchte. Hotels, Restaurants, ein Open-Air-Theater und ein Besucherzentrum, in dessen Mittelpunkt die "Titanic" stehen wird, sollen die Anlage auch für Touristen attraktiv machen. Harland & Wolff beschwört eine neue Ära, in der "Nordirland die Chance erhält, seine ökonomische, soziale und politische Zukunft neu zu definieren, damit alle Teile der Gesellschaft davon profitieren", wie es in der Werbebroschüre heißt.

 

Das "Ttanic Quarter" als Alternative zum Schiffbau? Peter Harbinson widerspricht energisch: "Es ist eine Ergänzung zum Schiffbau. In Schiffen steckt heutzutage jede Menge hoch entwickelter Technologie, ganz wie in den als sexy erachteten Industrien. Die Nähe und die dadurch bedingte Wechselbeziehung zwischen Werft und Entwicklungszentrum könnte uns einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Die Schiffbauindustrie hat in Belfast eine große Zukunft."

 

Vom Fenster des modernen Backsteinbaus aus sieht man die beiden Kräne der Schiffswerft Harland and Wolff, des Symbols für die protestantische Vormachtstellung in Nordirland. Hier wurde schon die Titanic gebaut. Katholiken waren auf der Werft von Anfang an unerwünscht, und wenn doch einer von ihnen einen der gut bezahlten Jobs ergattert hatte, wurde er schon bald mit Waffengewalt verjagt.

 

Von der Terrasse des Restaurants Bá Mizu hoch über der Stadt sieht man die Symbole des neuen und des alten Belfast: im Vordergrund das Riesenrad, die Luxushotels und die Einkaufsmeile, am Horizont die beiden gelben Kruppkräne "Samson" und "Goliath" am östlichen Rand des Hafens, wo 1911 die "Titanic" vom Stapel lief. Die Kräne gehören Harland & Wolff, der einst größten Werft der Welt, die oft im Mittelpunkt des Nordirland-Konflikts stand. Antikatholische Pogrome hatte es schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf der Werft gegeben. Und am 21. Juli 1920, während des Unabhängigkeitskriegs, kam es in Belfast zu einer Massenversammlung protestantischer Arbeiter. Bewaffnet mit Knüppeln, prügelte man die katholischen Arbeiter hinaus, viele wurden einfach ins Wasser geworfen. Die letzten Katholiken sind 1974 vertrieben worden, als die Werftarbeiter eine führende Rolle beim protestantischen Generalstreik spielten, durch den die Regionalregierung gestürzt wurde, weil ihr auch Katholiken angehörten.

 

Das ambitionierteste Projekt ist jedoch das Titanic Quarter. Hier, auf dem früheren Grundstück von Harland & Wolff, soll ein Hightech-Park entstehen, in dem einmal 10.000 Menschen arbeiten werden. Forschung und Entwicklung, akademische Ausbildung, kombiniert mit Freizeitangeboten und Wohnraum - das sind die Schlagworte, mit denen man weitere Investoren anlocken möchte. Hotels, Restaurants, ein Open-Air-Theater und ein Besucherzentrum, in dessen Mittelpunkt die "Titanic" stehen wird, sollen die Anlage auch für Touristen attraktiv machen. Denen wird ein elektronischer Führer an die Hand gegeben, der sie interaktiv zu den Stätten des einst blühenden Schiffbaus führt. Die imposante Eingangshalle des früheren Hauptquartiers von Harland & Wolff mit dem großen Zeichenbüro, wo die "Titanic" entworfen wurde, das Trockendock mit Pumpenhaus, wo sie gebaut wurde, und die Rampe, wo sie vom Stapel lief, werden restauriert und in das Gesamtprojekt integriert.

 

Noch ist weit und breit Brachland, doch vieles soll bis zum 31. Mai 2011 fertig sein, denn das ist der 100. Jahrestag des Stapellaufs. Diesen Tag will man feiern, denn als die "Titanic" Belfast verließ, war sie noch intakt, so betont man bei der Projektleitung. Der 14. April 1912, als das Schiff auf seiner Jungfernfahrt gegen einen Eisberg fuhr und 1.500 Menschen in den Tod riss, erinnert zu sehr an Untergang, und das passt nicht zum neuen Belfast, wo sich Optimismus breitgemacht hat. Dieser Optimismus ist auch an den ehemaligen Brennpunkten des Konflikts zu spüren. Nur wenige Schritte vom Zentrum entfernt sind katholische und protestantische Viertel wie ein Flickenteppich angeordnet. Wo sie aneinanderstoßen, kam es früher fast jede Nacht zu Krawallen, vor allem im Westen mit den Vierteln um die katholische Falls Road und die protestantische Shankill Road.

 

"Während des Konflikts kamen vor allem die Polittouristen", sagt Harry Connolly. "Aber mit dem Friedensprozess öffnen sich andere Märkte." Connolly, ein großer Mann mit kurzen Haaren und dünnem Vollbart, ist gerade 22 Jahre alt geworden. Seit Dezember arbeitet er als Koordinator für die Tourismusentwicklung der Gegend um die Falls Road. "Der Staat steckt viel Geld in die großen Projekte wie das Titanic Quarter", sagt er. "Aber langsam beginnt man, auch die lokalen Initiativen zu fördern." Noch aber kommen die Touristen in ihren Bussen, schauen sich die Wandgemälde an und verschwinden wieder. Die lokale Wirtschaft profitiert nicht davon. Deshalb müsse man die Infrastruktur verbessern, sagt Connolly: "Es gibt bisher keine Übernachtungsmöglichkeiten. Demnächst sollen ein Hotel, eine Jugendherberge und ein Versöhnungszentrum mit Unterkünften entstehen." Seine Organisation "Fáilte Feirste Thiar" arrangiert Fortbildungskurse für expansionsfreudige Kleinunternehmen im Tourismussektor. Die "Black Taxis" zum Beispiel: Diese Linientaxis sind in den katholischen und protestantischen Vierteln, wo die öffentlichen Busse in der heißen Phase des Konflikts ihren Dienst eingestellt hatten, das alternative und billigere Verkehrsmittel. Viele bieten Touren zu den Schauplätzen des Konflikts an.

 

Konflikte gab es in Short Strand, seit sich Katholiken Ende des 19. Jahrhunderts hier ansiedelten. Die Schiffswerft Harland & Wolff, wo 1911 die "Titanic" gebaut wurde, liegt in unmittelbarer Nachbarschaft, doch Katholiken wurden dort in den zwanziger Jahren gewaltsam vertrieben. Zwischen 1922 und 1924 kamen bei Pogromen 500 Menschen ums Leben.

 

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