der falsche bobby – von RALF SOTSCHECK


Joe reagierte schlecht gelaunt auf die Frage, wie sein Weihnachtsfest denn verlaufen sei. Eigentlich ist Joe nie schlecht gelaunt. Er ist mit seinen 72 Jahren die Seele jeder Party, und wenn es irgendeine politische Kampagne gibt, ist Joe immer dabei. Meistens kümmert er sich um die Finanzierung, er organisiert Quizveranstaltungen und fungiert mit seinem berühmten roten Jackett und seinem Strohhut als Quizmaster. Er macht seine Sache ausgesprochen gut und lockt den Leuten für den guten Zweck das Geld aus der Tasche. Doch leider macht seine Gesundheit in letzter Zeit nicht mehr so richtig mit, kurz vor Weihnachten hatte er einen leichten Schlaganfall. Der war auch der Grund für die Ereignisse, die Joe das Weihnachtsfest so gründlich verdorben haben.

 

Am Weihnachtstag holt er immer seinen jüngeren Bruder Bobby ab. Der ist geistig schwerbehindert und lebt im Heim. Er erkennt Joe nicht, aber er freut sich jedes Jahr über den Weihnachtstruthahn und ein Glas Bier. Weil sich Joe wegen des Schlaganfalls nicht traute, bei Eis und Schnee mit dem Auto zu fahren, rief er ein Taxiunternehmen an, das Bobby aus dem Heim abholen sollte. Pat, der Nachbar, half Joe unterdessen bei der Zubereitung des Essens. Dazu öffnete man die erste Flasche Wein.

 

Dann war die Pute gar, doch von Bobby keine Spur. Joe und Pat waren inzwischen bei der zweiten Flasche Wein angelangt. Ab und zu ging Pat vor die Tür, um nachzusehen, ob sich der Taxifahrer vielleicht in der Hausnummer geirrt hatte. Schließlich rief Joe im Heim an. Sie habe sich auch schon gewundert, wo das Taxi bleibe, sagte die Pflegerin. Bobby warte jedenfalls in Hut und Mantel an der Eingangstür. Plötzlich rief Pat: "Das Taxi mit Bobby ist soeben vorgefahren." Joe war so verwirrt, dass er den Hörer auflegte und die dritte Flasche Wein öffnete. Als Pat mit Bobby hereinkam, war Joe noch verwirrter. Dieser Bobby war zwar auch geistig behindert, aber es war nicht Joes Bruder.

 

"Das ist doch egal", wandte Pat ein. "Der fremde Bobby isst sicher auch gerne Pute. Bis wir ihn gegen den richtigen Bobby ausgetauscht haben, ist das Tier längst ungenießbar." Doch Joe bestand darauf, seinen Bruder zu beköstigen. Außerdem mache sich die Familie des falschen Bobby sicher Sorgen um ihn. Der Taxifahrer, so stellte sich heraus, war zum falschen Heim gefahren, doch weil dort ebenfalls ein Bobby auf seine Abholung wartete, hatte er seinen Fehler nicht bemerkt und war keineswegs bereit, irgendwelche Schuld auf sich zu nehmen, sondern forderte seine Bezahlung ein. Er war sich seiner Macht bewusst, sind Taxis am Weihnachtstag doch Mangelware. Die Abholung des falschen Bobby, seine Rücksendung sowie die Abholung des Bruderbobby kosteten Joe schließlich 150 Euro.

 

Als man die Sache mit den Bobbys endlich bereinigt hatte, war die Pute verschrumpelt, Rosenkohl und Kartoffeln waren ein grünlicher Brei. Pat und Joe merkten es nicht mehr, sie hatten inzwischen die vierte Flasche Wein geöffnet. Nur Bobby monierte, dass das Essen im Heim um Klassen besser sei und er sofort nach Hause wolle.

 

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