führerschein mit enkelfoto – von RALF SOTSCHECK




Es war der falsche Reflex. Als die Ampel von Grün auf Gelb schaltete, gab ich Gas und huschte über die Kreuzung - gemeinsam mit dem Auto vor mir. Es war ein Polizeiauto. Ob ich öfter rote Ampeln ignoriere, wollte der Beamte wissen. Es sei doch noch Gelb gewesen, wandte ich ein. "Kirschgelb", blaffte er und verlangte meinen Führerschein.


Seine Laune verbesserte sich nicht, als ich ihm meinen betagten deutschen Schein reichte. Der graue Lappen hatte schon einiges mitgemacht und war recht speckig. Der Polizist faltete ihn mit spitzen Fingern auseinander und starrte ungläubig auf das Foto. "Das könnte dein Enkel sein", sagte er. Nun ja, ich war 16, als ich fotografiert wurde. Er fragte: "Mit 16 darf man in Deutschland Auto fahren?" Nein, antwortete ich, es sei ein Mopedführerschein. Er starrte meinen Wagen an und meinte: "Er ist zwar sehr klein und verbeult, aber in Irland gilt so etwas dennoch als Auto." Auf der Rückseite sei der Führerschein auf Klasse 3 für Autos erweitert, beruhigte ich ihn. Der Stempel, der das bekundete, war allerdings längst verblasst, so dass nur noch die handschriftliche "3" zu erkennen war.


Der Polizist sah sich verunsichert um. Offenbar vermutete er, dass er gerade Opfer der "Versteckten Kamera" wurde. Er fragte, ob ich ihn veralbern wolle. Der Führerschein sei doch längst abgelaufen. Aber nein, versicherte ich ihm, man müsse ihn nicht wie in Irland alle paar Jahre erneuern und eine happige Gebühr entrichten. Das Wort "Gebühr" erinnerte ihn an den eigentlichen Grund für unsere Unterhaltung. "Du hast Glück", sagte er. "Die beiden Strafpunkte kann ich dir nicht aufbrummen, da es kein irischer Führerschein ist. Aber die Strafgebühr für das Überfahren der roten Ampel musst du zahlen, trotz Mopedführerschein und Enkelfoto."


Im Grunde sei der Zuständige für die Dubliner Verkehrsplanung schuld, sagte ich. Zum einen seien die Rotphasen unendlich lang, zum anderen seien die Ampeln auf den Hauptstraßen nicht koordiniert. Auf dem zwei Kilometer langen Stück Richtung Flughafen stehen acht Ampeln, manche nicht mal 200 Meter voneinander entfernt, und hat man Pech, müsste man an jeder Ampel halten, wenn man es streng auslegte. "Ach so", flötete der Beamte. "Das ist natürlich etwas anderes. Ich werde den Strafzettel an die Verkehrsplanungsbehörde schicken, die werden ihn bestimmt bezahlen." Ich lachte, und er lachte auch, aber sein Lachen klang gehässig.


Ob ich etwa getrunken habe, fragte er mich. "Ein Glas Milch", wollte ich sagen, was zwar der Wahrheit entsprach, aber von dem Beamten möglicherweise erneut als Provokation aufgefasst worden wäre. So sagte ich statt dessen: "Nein, ich habe nichts getrunken. Jedenfalls keinen Alkohol." Er gab sich überrascht: "Na so was. Wenn du nüchtern schon solchen Unfug erzählst, was redest du dann bloß in betrunkenem Zustand?"


Nach ein paar Tagen kam ein Brief mit der Mitteilung, dass ich zwei Strafpunkte bekommen habe. Der Beamte hatte recherchiert und herausgefunden, dass ich auch einen irischen Führerschein besitze. Mein Gott, wie kann man so nachtragend sein.

 

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