bahnfahrt mit tomatensaft – von RALF SOTSCHECK


Zugfahrten in Großbritannien sind etwas für reiche Leute, die geduldig und genügsam sind. Seit die Tory-Regierung die staatliche Eisenbahn in den neunziger Jahren privatisiert hat, ist Reisen auf Schienen zu einem teuren Vergnügen mit ungewissem Ausgang geworden.


Ich möchte von London nach Leeds. Ob ich vielleicht Mitglied der Streitkräfte Ihrer Majestät sei, will der privatisierte Schalterbeamte wissen. Oder ob ich wenigstens eine „New Deal Photocard“ besäße? Das klingt wie der biometrische Personalausweis, den „New Labour“ gerne einführen möchte. Ohne Card koste die zweieinhalbstündige Fahrt 150 Pfund, erklärt der Ticket-Dealer. Das sind umgerechnet 225 Euro, oder für die Älteren unter uns: 450 Mark. Falls ich aber bis 17 Uhr warte, könnte ich für 82 Pfund fahren. Aha, im Berufsverkehr wird es billiger. Da haben die Knalltüten im Seminar „Eisenbahn für Anfänger“ nicht aufgepasst.

Um ihre Inkompetenz zu bündeln, haben sich vier Bahnunternehmen in East Anglia zusammengeschlossen. Deshalb musste ein flotter neuer Name her. Die Marketingnarren hatten eine Idee: „One.“ Dieser Name macht die Ansagen durch die schnarrenden Lautsprecheranlagen auf den Bahnhöfen vollends zum Rätsel: „The 5:20 One train leaves from platform 3.“ Ist das jetzt der Zug um 20 nach 5 der Linie One oder der Zug um 21 nach 5, der in keinem Fahrplan steht?

Genauso dämlich ist der Name eines Konkurrenzunternehmens: „First.“ Der Erste Neun-Uhr-Zug nach Brighton? Ja, fahren denn mehrere Züge um neun nach Brighton? In Wahrheit fährt der Neun-Uhr-Zug ohnehin nicht vor halb zehn, denn die britischen Eisenbahnen sind notorisch unpünktlich. Die Fahrpläne sind eher erstrebenswerte, aber unerreichbare Zielvorgaben. Die Entschuldigungen der Bahnunternehmen sind aber phantasievoll: Mal ist der Zug wegen Herbstlaub auf den Gleisen stecken geblieben, mal sind die Schienen wegen der berüchtigen englischen Sommerhitze verbogen.

Der Zug nach Leeds fährt nahezu pünktlich ab, macht das aber wett, indem er unterwegs noch eine halbe Stunde Verspätung herausholt. Hinter Luton springt er plötzlich wie ein junges Fohlen. Mein Sitznachbar wünscht sich, er hätte ein Mineralwasser statt des Tomatensaftes aus dem Bordrestaurant geholt, weil das auf dem hellen Freizeitanzug nicht weiter aufgefallen wäre.


Das marode Schienennetz ist ein Erbe von Railtrack, dem Privatunternehmen, das von den Bahnunternehmen hohe Summen kassierte und dafür die Gleise in brauchbarem Zustand halten sollte. Statt dessen entließen die Railtrack-Bosse die Hälfte der Belegschaft, teilten das Geld unter sich auf und beschlossen, dass Schienen aus Stahl und daher unverwüstlich sind, so dass man sich nicht weiter um sie kümmern muss. Als viele Strecken von Unkraut überwuchert und unbefahrbar waren, verstaatlichte die Regierung das Schienennetz wieder. Es wird Jahre dauern, bis alle Gleise wieder in dem zwar bedauernswerten, aber weniger lebensgefährlichen Zustand wie vor der Privatisierung sind. Die Strecke nach Leeds steht offenbar weiter unten auf der Liste. Den Erlös aus den Fahrkarten stecken sie bis dahin wohl in die Reinigung der Anzüge ihrer Kundschaft.

 

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