„Kulturhauptstadt? Macht ihr Witze?“


Er war noch nie ein begnadeter Sänger. Aber Ringo Starrs Lied „Liverpool 8” ist zur inoffiziellen Hymne für die nordwestenglische Hafenstadt geworden, die sich 2008 den Titel der Kulturhauptstadt Europas mit dem norwegischen Stavanger teilt. „Liverpool, ich habe dich verlassen, aber ich habe dich niemals im Stich gelassen“, heißt es in der autobiografischen Schnulze des ehemaligen Beatles-Trommlers.


Die Liverpooler lieben das Lied, weil es von einem Beatle stammt. Die Beatles haben Liverpool weltweit bekannt gemacht. Ringo Starrs Auftritt auf dem Dach der St. George´s Hall, dem imposantesten neoklassizistischen Gebäude Englands, war der Höhepunkt der Feier, mit der das Kulturhauptstadtjahr 2008 eingeläutet wurde. 40.000 Menschen auf dem Vorplatz bekamen feuchte Augen. Die Zeiten, als kleine Mädchen sich beim Anblick eines Beatle ins Höschen machten, bevor sie in Ohnmacht fielen, sind allerdings längst vorbei.


Die Feier begann, natürlich, um 20:08 Uhr. Es war eine multimediale Mischung: Musik von den Eurythmics, Atomic Kitten und den Wombats, ein Feuerwerk, ein paar Trapezkünstler auf Baukränen, der Bürgermeister in einem Schiffscontainer und drei Gitarristen, die einen Kilometer Luftlinie voneinander entfernt in die Saiten griffen – der eine auf einem Sendemast, der andere auf einer Statue, der dritte auf einem Parkhaus.


Phil Redmond, ein Endfünfziger mit langen grauen Haaren, war zufrieden: „Ich habe mich sehr darauf gefreut, dass die Feierlichkeiten endlich beginnen, damit die Leute beurteilen können, was wir machen, statt darüber zu spekulieren.“ Als stellvertretender Chef der Liverpool Culture Company (LCC) ist Redmond für das gesamte Kulturprogramm im Hauptstadtjahr verantwortlich. „Es gab einige Hürden zu überwinden“, räumt er ein.


Einige Hürden? Das ist englisches Understatement. Als Liverpool 2003 den Titel als Kulturhauptstadt für 2008 zugesprochen bekam, begannen die politischen Querelen. Zwischen dem damaligen Bürgermeister Mike Storey und dem Geschäftsführer der Stadtverwaltung, David Henshaw, brach ein heftiger Streit aus, der damit endete, dass beide zurücktreten mussten. Die australische Kabarettsängerin Robyn Archer, die man 2004 zur künstlerischen Leiterin des Kulturprogramms gemacht hatte, konnte ihre Arbeit erst im April 2006 aufnehmen, weil sie zunächst keine Arbeitserlaubnis erhalten hatte. Vier Monate später warf man sie wieder hinaus und zahlte ihr eine Abfindung in Höhe von 125.000 Pfund.


Im Dezember 2007 heckten Storey und sein Nachfolger Warren Bradley ein Komplott aus, um den Geschäftsführer der LCC aus dem Amt zu drängen. Der soll nun eine Abfindung in Höhe von 250.000 Pfund bekommen. Die Aufsichtsbehörde hat ein Verfahren gegen Storey und Bradley eingeleitet. Die Stadtverwaltung hat ein Defizit von 20 Millionen Pfund für 2009 angehäuft, für das zweifellos die Steuerzahler aufkommen müssen.


Aber im Kulturhauptstadtjahr wird geklotzt. Mehr als 350 Veranstaltungen stehen auf dem Programm, zwei Drittel sind kostenlos. Unter anderem tritt Paul McCartney, der andere noch lebende Beatle, im Mai im Fußballstadion des FC Liverpool auf, Simon Rattle bringt die Berliner Philharmoniker in seine Geburtsstadt, und die Liverpooler Dependance der Tate-Galerie organisiert eine Gustav-Klimt-Ausstellung.


„Es muss ein Erfolg für die Menschen dieser Stadt werden, wir dürfen nicht versagen“, meint Bürgermeister Bradley. Man habe Glück, dass man wegen des Schaltjahres einen Tag länger Kulturhauptstadt sein dürfe. „Wir haben im Vorfeld mehr als drei Milliarden Pfund in die Infrastruktur der Stadt investiert“, sagt Bradley, „und jetzt legen wir bei der Regeneration noch zu: Projekte im Wert von 4,6 Milliarden Pfund sind in der Planung.“


An den heruntergekommenen Vororten wird das Kulturhauptstadtjahr spurlos vorübergehen. Pfarrer Philip Inch aus Croxteth, wo im vergangenen August der elfjährige Rhys Jones auf dem Heimweg vom Fußball-Training durch einen Nackenschuss getötet wurde, sagt: „Das einzige, das wir hier von der Kulturhauptstadt zu sehen bekommen, ist ein großes Transparent, auf dem steht: ´Kulturhauptstadt? Macht ihr Witze?´“


Das gilt auch für Toxteth, den Postbezirk Liverpool 8, wo Ringo Starr geboren wurde und nach dem er sein Lied benannt hat. Der Stadtteil ist durch die schwarze Revolte im Sommer 1981 über Großbritanniens Grenzen hinaus bekannt geworden. In Toxteth soll auch Adolf Hitler im Jahr 1912 ein paar Monate bei seinem Halbbruder Alois und dessen irischer Frau Bridget verbracht haben.


Der 24-jährige schwarze Rapper Kof, der mit vollem Namen Kofi Owusu heißt, sagt: „Für meine Leute ist das alles uninteressant. Ringo ist gut, aber er bedeutet uns nichts. Das ganze Geld geht in Bauprojekte im Zentrum, in Toxteth findet keine Regeneration statt.“ Der Filmemacher Alex Cox fügt hinzu: „Wir brauchen keine Riesengebäude. Liverpool hat auch in der Vergangenheit groß gebaut, aber es hat der Stadt nie gut getan. St. George´s Hall war einst das größte säkulare Gebäude der Welt, nebenan verkauften Kinder Streichhölzer und verhungerten. Die Kathedrale war das größte religiöse Gebäude, und in der Nebenstraße mussten Prostituierte anschaffen gehen, um zu überleben.“


Liverpool ist eine Stadt, die keine Ambivalenz zulässt: Man liebt sie, oder man hasst sie. Liverpool ist dreckig und aggressiv, romantisch und abstoßend, aufgemotzt und heruntergekommen. Liverpool ist neben London die musikalischste, lebendigste und interessanteste Stadt Englands.


Daniel Defoe sagte im 17. Jahrhundert, Liverpool sei das „Wunder Britanniens“. Das war verfrüht, denn die Stadt blühte erst richtig im 19. Jahrhundert auf: Mit den Oriel Chambers aus dem Jahr 1864 hatte Liverpool 20 Jahre vor Chicago den ersten Wolkenkratzer, die anglikanische Kathedrale ist doppelt so groß wie Londons St. Paul´s, und auf der anderen Seite des Mersey, in Birkenhead, liegt der erste öffentlichen Park des Landes.


Liverpool hatte nie eine nennenswerte Industrie, abgesehen vom Schiffbau, und der Hafen bestimmte das Leben in der Stadt. Es war immer eine Stadt der Einwanderer. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen 300.000 Iren, die vor der Hungersnot auf der Grünen Insel flohen, ab 1870 siedelten sich Chinesen an und gründeten die älteste Chinatown Europas, später kamen Juden aus Osteuropa. Liverpools Niedergang verlief schneller als sein Aufstieg. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde aus einer der reichsten Städte der Welt eine der ärmsten.


Rotterdams Europort machte dem Liverpooler Hafen und den Werften den Garaus. Liverpool hat seinen ursprünglichen Zweck verloren. Die deutsche Luftwaffe legte Liverpool in Schutt und Asche. Die Bomberpiloten orientierten sich an Dublin, wo nicht verdunkelt wurde, und flogen auf demselben Breitengrad gen Osten. Bis heute sind noch manche Bombenschäden zu sehen.


Der Wiederaufbau begann 1999. John Prescott, damals stellvertretender Premierminister, rief „Liverpool Vision“ ins Leben, ein Unternehmen, das die Innenstadt sanieren und zwischen Wirtschaft und Politik vermitteln soll. Das ambitionierteste Projekt ist „Liverpool One“, ein 170.000 Quadratmeter großes Arreal mitten im Zentrum, wo für 920 Millionen Pfund die größte Einkaufsmeile Europas entstehen wird. 65 Millionen Pfund kostet ein kreuzförmiges Museum aus Travertin-Marmor, mit dem auch die Römer ihr Kolosseum gebaut haben. Es soll 2010 eröffnet werden.


Anderes ist bereits fertiggestellt, zum Beispiel das Albert Dock, wo die Stadtverwaltung die ausgedienten Lagerschuppen und Werftgebäude modernisiert und an exklusive Geschäfte und Restaurants vermietet hat. Daneben, an der King´s Waterfront, ist die schwalbenförmige Echo Arena entstanden, Konferenzzentrum und Mehrzweckhalle für 10.000 Zuschauer. Die waren am Samstag zur Einweihung der Halle und zum zweiten Teil der Kulturhauptstadtfeier gekommen.


Sie begann ebenfalls um 20:08 Uhr. Wird in diesem Jahr jede Veranstaltung in Liverpool um 20:08 Uhr beginnen? Auf dem Programm stand „Liverpool – The Opera“, aber eine Oper war es nicht. Im Grunde genommen unterschied es sich nicht wesentlich vom Vortagsprogramm. Die Royal Liverpool Philharmonic, deren Musiker ganz hinten auf der Bühne in sechs Reihen bis unters Dach gestapelt waren, fungierten als Begleitensemble für Echo and the Bunnymen, The Wombats, Garry Christian, Shack, Pete Wylie, während auf einer Riesenleinwand die Geschichte Liverpools en passant lief: der Slavenhandel, der die Stadt reich gemacht hat, der Schiffbau, die Luftangriffe, der Dockarbeiterstreik, die Thatcher-Jahre, die Fußballerfolge des FC Liverpool und des FC Everton – und John Lennon, der gefeiert wurde, als ob er gerade die Bühne betreten hätte.


Aber es war Ringo Starr, der zum Schluss auf die Bühne kam und erneut sein „Liverpool 8“ vortrug. Warum er nach 16 Jahren wieder mal in seine Heimatstadt gekommen sei, war er am Vormittag gefragt worden. „Um ehrlich zu sein“, hatte er geantwortet, „ich habe dieses neue Lied geschrieben, und ich wollte dafür die Werbetrommel rühren.“