Vorwort „Der gläserne Trinker“


»Ich habe die Lindenstraße das erste Mal gesehen, als die 400. Folge lief. Damals flog mich die ARD nach Köln ein, weil sie jemanden wollten, der die Lindenstraße noch nie gesehen hatte und zur Jubiläumssendung darüber für das ARD-Magazin schreiben sollte.« Unter diesen seltenen Voraussetzungen schrieb Ralf Sotscheck seine Reportage über jene Sendereihe.

 

  Ich wollte ich wäre in seiner Lage. Aber ich musste Klaus Bittermann gestehen, dass ich schon einiges von Ralf Sotscheck gelesen hatte, als er, Bittermann, mir den Auftrag zu diesem Vorwort gab. Meine Chance: ich habe noch nicht alles von diesem Autor gelesen, bin also immer noch im Stande der fruchtbaren Unzulänglichkeit. Alsdann:

  Wie wir alle wissen, hat Ralf Sotscheck Irland erfunden. Irland, eine Insel, ein Land, ein Erdteil, ja ein Paralleluniversum, treibt seit Jahren vor England im Ralfstrom. Reich hat er es ausgestattet, mit einer Sprache, mit Musik und mit Guinness und Whiskey und einer unglaublichen Literatur. Er berichtet, wie er als Knabe von irischen Räubern geraubt und nach Irland verschleppt wurde, wo er lange Jahre lang Schafe hütete, Guinness trank und Glossen schrieb. Einmal sei ihm die Flucht gelungen, aber in einer Vision erhielt er einen Brief mit der Überschrift »Die Stimme der Einwohner Irlands«, die ihn baten, zu ihnen zurückzukehren. Ralf befolgte diesen guten Rat, wie vor ihm schon der Heilige Patrik, ein früher Erfinder Irlands, das damals Hibernia genannt wurde. Manche sagen, und es sind nicht die Schlechtesten, Ralf und Patrick haben Irland nicht erfunden, sondern entdeckt und gefunden – so soll es sein. Ralf, der Finder, gehört seitdem zu jenen irischen Mönchen, die keinen Bischof über sich kennen, die lesen und schreiben, Ostern auf eigene Weise berechnen und eine nur ihnen gemäße Tonsur tragen, und am schönsten Buch der Welt arbeiten, dem »Book of Kells«, einem gewaltigem Prachtkodex, der schon vor 1000 Jahren bestaunt wurde, so zierlich ist er und so ausgeklügelt, so genau und kompakt, so voller Knoten und Windungen, mit Farben so frisch und so weiter: So schwadronierte der hochgelehrte Giraldu Cambrensis in seiner Topographia Hiberniae.

 

  Ralf Sotscheck aber hat mit dem irischen Pass auch die Verpflichtung literarischer Missionstätigkeit eingegangen und zwar u.a. in der Form der Montagskommentare in der taz. Dort verbreitet er die Kunde von den irischen Wundern und Geheimnissen, aber berichtet auch oft kopfschüttelnd von den Vorgängen in Northumbrien, dem abseits liegenden England. Wenn ich das vorliegende Buch gelesen haben werde, werde auch ich mehr wissen.

 

Was ich schon weiß: in einem Bittermann-Buch »In Schlucken-zwei-Spechte« spricht Harry Rowohlt – auch so ein Irland-Finder: »Dieses Buch heißt Ralf Sotscheck im Gespräch mit Harry Rowohlt, und wenn es, wie Verleger Klaus Bittermann hofft, sich wie geschnitten Brot verkauft, gibt es bald den zweiten Band: Harry Rowohlt im Gespräch mit Ralf Sotscheck. Das wird bestimmt lohnender, weil Du sehr viel mehr erlebt hast als ich, obwohl Du ja sehr viel jünger bist. Du bist Journalist, düst ständig durch die Gegend, gurkst überall herum, lernst interessante Menschen kennen, während ich als Übersetzer den ganzen Tag zu Hause sitze und an Formulierungen feile, und das ist schwer zu erzählen.«

 

(Und jetzt Einwand Ralf:) »Ach was. Wir sollten uns noch einen letzten Whiskey genehmigen und dann schlafen gehen...«

Wir aber, liebe Leserin und sehr geehrter Herr Leser, bleiben wach und lernen den geheimnisreichen irischen Ralf kennen.

Und sind wir nicht zu beneiden?


F. W. Bernstein

 

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