Vorwort „Paddy´s andere Insel“


  Gerade kam Post von Ralf Sotscheck: „Gruß aus dem Baskenland. Waren drei Tage in Bayonne und Biarritz, sind jetzt in Jean-de-Luz. Ich mag Separatisten, wenn sie kochen können und guten Wein servieren." Dann erinnerte er mich daran, dass ich endlich dieses Vorwort basteln soll. ,,Schreib einfach auf, wie alles anfing mit der Seite und mit den Kolumnen." Nun denn!


  Als wir in der taz „Die Wahrheit" installierten, die bei anderen Zeitungen „Vermischtes" oder „Neues aus aller Welt" heißt, wollten wir unbedingt unsere Auslandskorrespondenten einspannen. Das war jedoch nicht so einfach wie der Laie vielleicht denkt. Zunächst einmal war die ,,bunte Seite" erst nach jahrelangem Kampf möglich geworden. Die meisten tazler hielten eine leichte, lustige Seite schlicht für Papierverschwendung. Witze sollten andere machen, sie wollten Platz für weitere 5OO Zeilen - noch 'ne Bleiwüste eben. Doch eine Handvoll mit Humor gesegneter Zeitungsmacher ließ nicht locker und setzte sich schließlich durch. Die erste Hürde war genommen, aber die zweite wartete schon. Noch bevor wir unsere Korrespondenten kontaktieren konnten, wurde von der Berliner Auslandsredaktion ein Rundruf gestartet. „Schreibt nicht für diese neue Quatsch-Seite, die wird sowieso wieder abgeschafft.“ Unsere Rekrutierungsversuche für die täglich erscheinende Kolumne unten links auf der Seite waren dann auch ein gigantischer Flop. Ausreden von allen Seiten: „Arbeitsübedastung“ hieß es oder „unmöglich, hier gibt's nichts Lustiges". Nur einer, ein einziger, fiel aus dem Rahmen der allgemeinen Ablehnung: Irland- und England-Korresponden Ralf Sotscheck.


  Überredung war überhaupt nicht notwendig. Ralf war sofort Feuer und Flamme. „Tolle Idee", freute er sich, „hier passieren so viele verrückte Sachen, die brauch' ich einfach nur aufzuschreiben". Und dann kamen sie, diese „verrückten Sachen". Jeden Sonntagmittag schickte er uns auf der Datenautobahn eine dieser herrlichen, absurden, schrulligen Geschichten. Redigieren war fast nie nötig. Die Stories waren aus einem Guss. Nur manchmal waren sie zu lang, und wir mussten schweren Herzens, da die Kolumne eine feste Länge hatte, kürzen. Natürlich hatten wir Respekt, trauten uns nicht, diese Kleinode zu beschädigen und riefen den Meister in Dublin an.


  So fing es also an, damals im Sommer 1991. Ralf Sotscheck schaffte sich aus dem Stand heraus eine ständig wachsende Fangemeinde. Das war natürlich wunderbar solange sich die Anhänger aufs Leserbriefschreiben beschränkten. Es kam jedoch auch vor, dass es in Dublin an einer ganz bestimmten Tür klingelte, und wenn der Hausherr dann öffnete, wurde er von einem Rucksack-Pärchen mit den Worten empfangen: „Hey, bist du Ralf Sotscheck? Wir haben ein taz-Abo und lieben deine Geschichten. Können wir ein paar Tage bei dir übernachten?"


  Was ist das Geheimnis seines Erfolges? Nun, ich glaube es ist ganz einfach: Ralf Sotscheck ist zum einen ein ausgezeichneter Beobachter, und zum anderen hat er die seltene Gabe, auch in einem noch so furchtbaren Unglück eine humorvolle Seite zu entdecken. Sie können sicher sein, wenn irgendwo ein Gag 'drinsteckt, Ralf Sotscheck findet ihn prompt. Der Mann ist ein Humor-Magnet. Er kann Witze riechen, schmecken, fühlen. Wo andere nur einen missgelaunten Kellner sehen, der in einem indischen Restaurant in Belfast ein Chicken Biryani serviert, hat Ralf ein Universum von einhundert Zeilen vor Augen, nach deren Genuss Sie sich garantiert einen Ast lachen. Dabei ist er nie oberflächlich oder böse. Ihm ist einfach nur der Spaß wichtig und das, so scheint er uns sagen zu wollen, „sollte es euch - verdammt noch mal - auch sein".


  Für einen wie mich, der die Geburt von Ralf Sotschecks Montagskolumnen miterlebt hat, ist es selbstverständlich ein echtes Vergnügen, die gesammelten Geschichten als Buch präsentiert zu bekommen. Und jetzt schon das zweitel Nach dem wundervollen „Ungekürzte Wahrheiten über Irland“ nun die England-Kolumnen. Die sind etwas ganz Besonderes, wie auch anders, wenn ein deutscher lrland-Liebhaber, der in Dublin lebt, seinen kritischen Blick auf Großbritannien wirft. Der Titel „Paddy's andere Insel“ lehnt sich bewusst an George Bernard Shaws „John Bull's andere Insel“ an, jene Komödie, die der zweite irische Literaturnobelpreisträger im Jahr 1907geschrieben hat. Ähnlich wie Shaw einst seinen Blick von seinem selbstgewählten englischen Exil zurück nach Irland schweifen ließ, betrachtet Ralf Sotscheck von seinem irischen Standort - um nicht zu sagen Standpunkt - aus die großen und kleinen Geschehnisse auf der Nachbarinsel der „Paddies". Dieser Spitzname für die Iren leitet sich übrigens vom heiligen Patrick ab, der um 400 den christlichen Glauben auf die Insel gebracht haben soll.


  Dass Thomas Körner einige Karikaturen zu „Paddy's anderer Insel“ beigesteuert hat, ist ein Extra-Bonbon, denn TOMs Stern begann ungefähr zur gleichen Zeit wie der von Ralf in der taz zu strahlen. Heute ist das Blatt ohne seinen täglichen Kurz-Cartoon undenkbar, und seine eigenen Buchveröffentlichungen belegen, wie beliebt seine Zeichenkunst mittlerweile geworden ist.


  Lesen Sie also vom „Golfkrieg im Sherwood Forest", vom „Kampf um die Unterhosen des Premierministers" oder über den „Sexualkundeunterricht an britischen Schulen" und darüber, wie man sich in England „Sechslinge auf Krankenschein" besorgen kann. Ja und dann ist da noch die königliche Familie. Sie wurde und wird von Ralf Sotscheck besonders liebevoll beobachtet. Einst hat er gar, als es besonders schlimm für die Royals aussah, ein „Windsor-Solidaritäts-Komitee" gegründet und um Spenden gebeten.


  Das neue Buch ist natürlich nicht das Ende. Die Seite „Die Wahrheit" ist längst eine der beliebtesten der taz. Ralfs Kolumne erscheint immer noch jeden Montag. Stoff für eine dritte Sammlung, die es zweifellos bald geben wird.


Karl Wegmann im August 1997

 

Fenster schlie├čen